Vitus Maria Huber

Orthopädietechnikermeister

 

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  Nederling 

 

 

Nederling ist heute ein Münchner Ortsteil und war ursprünglich ein Weiler zwischen Moosach und Gern mit zwei Höfen, wovon bis zur Säkularisation im Jahr 1803 der eine dem Kloster Dießen gehörte (Dießener-Hof) und der andere der Münchner-Pfarrei St. Peter (Frimmer-Hof). Der Name Nederling taucht erstmals 1362 in den Verzeichnissen des ehemaligen Klosters Dießen auf. Die kargen Äcker und Wiesen der Höfe lagen vermutlich überwiegend  im Westen, im Süden stieß man bald auf die Fluren der Gerner Bauern, im Norden auf die der Moosacher. Ursprünglich wurde wahrscheinlich auch der Wald des jetzigen Kapuzinerhölzls von den Nederlingern genutzt. Dieser kleine  Eichenwald ist ein historisch bedeutsamer Ort.

Als die Schweden und Franzosen unter Wrangel und  Turenne 1648 auf ihrem Weg nach Osten zehn mal den Inn zu überqueren versucht hatten und zehn mal daran gehindert wurden,  zogen sie sich über Moosburg, Freising und Dachau zurück, unterbrachen aber ihren Rückzug zugunsten einer Jagd, die die Herren Generäle in dem wildreichen Gebiet nördlich von Nymphenburg durchführen ließen. Der kaiserliche Reiteroberst Johann von Werth machte sich mit einigen tausend Mann auf den Weg und stieß am Morgen des 15. Oktober 1648 im nebelverhangenen Kapuzinerhölzl auf die ersten Feinde, die im Jagdeifer zunächst gar nicht merkten, was los war. (Manche glauben, es wäre gar nicht im Kapuzinerhölzl gewesen, sondern in einem Wald beim Dorf Neuhausen, den es heute nicht mehr gibt, aber das ist eine ganz unsichere Meinung.) Es entwickelte sich jedenfalls daraus die letzte Schlacht des Dreißigjährigen Krieges, wobei man nicht mehr genau weiß, wie weit sich der Kampf hinzog und wo sein Schwerpunkt war. Es fielen 400 bis 500 von den Schweden und Franzosen oder ertranken im Dachauer Moos, das damals viel größer war als heute. 700 einfache Soldaten und 120 Offiziere wurden gefangen und anderntags im Triumph in München vorgeführt. 1000 Pferde kamen um. General von Wrangel verlor seinen goldenen Degen. Außerdem ging ein kostbares Eßgeschirr verloren. Wrangel und Turenne aber entkamen und äscherten in ihrer Wut beim weiteren Rückzug noch 20 schwäbische Dörfer ein.

 

 

 

Im 18. Jahrhundert gehörte Nederling zum Gerichtsamt Neuhausen. Die Südgrenze der damaligen Hofmark Moosach umging die Nederlinger Höfe in knappem Abstand. Bei der Neuordnung Bayerns Anfang des 19. Jahrhunderts kam Nederling zur Gemeinde Moosach. Kirchlich gehörte es aber seit jeher zur Pfarrei Feldmoching und zur Schule gingen die Kinder in Nymphenburg. 1913 wurde Nederling zusammen mit ganz Moosach von der Stadt München eingemeindet.

 

Die Nederlinger Höfe haben oft die Besitzer gewechselt, zeitweise standen sie auch leer. 1875 hatte Nederling 28  Bewohner, in den Ställen standen 9 Pferde und 43 Stück Rindvieh. Der Bankier Gutmann erwarb Anfang des 20. Jahrhunderts den Frimmer-Hof, dann 1914 auch den Dießener-Hof, vereinigte beide zum Gut Nederling und verpachtete es an die Bayerische Landesanstalt für Pflanzenbau und Pflanzenschutz, die dort bis Anfang der 60er Jahre ein Versuchsgut betrieb. Da Gutmann Jude war, wurde das Nederlinger Gut 1937 enteignet und kam an die Stadt München, die nach dem Krieg  eine Entschädigung zahlte. Von 1939 bis 1959 war der Frimmer-Hof an einen Schweinezüchter vermietet. Seit 1962 sind in den Gebäuden des Nederlinger Gutes Wohn- und Betriebsgebäude der Stadtgärtendirektion untergebracht. Im November 2003 wurde im umgebauten Dießener-Hof, den Josef und Peter Landstorfer der Stadt München abgekauft hatten, ein Volkstheater (Theater Gut Nederling) und eine Gaststätte mit Biergarten eröffnet.

Die Nederlinger Äcker und Wiesen wurden seit dem Ende des 19. Jahrhunderts Stück für Stück bebaut. Den Anfang machte der Westfriedhof, für den die Stadt München 1893 außerhalb ihrer damaligen Grenzen 12 Hektar kaufte und der im Lauf der Zeit immer wieder erweitert wurde. Die Aussegnungshalle und die Nebengebäude sind ein Werk von Stadtbaumeister Grässel. Das vielleicht älteste Gebäude, das in Nederling abseits des Nederlinger Gutes errichtet wurde, ist das Gasthaus, das gegenüber der Aussegungshalle an der nördlichen Seite der Dante-Straße steht und gleichzeitig mit dem Westfriedhof gebaut worden ist. Es heißt nach einem frühen Wirt „Lichtinger“ und beherbergt zur Zeit die „Villa Dante“. Das Gasthaus gegenüber heißt, ebenfalls nach einem früheren Wirt „Wanninger“ und gehört natürlich auch zu Nederling, obwohl es sich seit einigen Jahren „Gerner“ nennt. Die letzten größeren Flächen der Nederlinger Fluren wurden ab 1983 mit der sog. „Metten-Siedlung“ bebaut.

 

Älter als alle Bauwerke, die heute in Nederling stehen, ist die Nederlinger-Linde, ein mächtiger und ehrwürdiger Baum unmittelbar neben dem Nederlinger-Gut! Mit einem Alter von rd. 300 Jahren gehört sie zu den ältesten Bäumen Münchens. Seit einiger Zeit hängt eine Erinnerungstafel an den Maler Philipp Röth an ihr, der oft unter ihr gesessen ist und Landschaftsbilder gemalt hat.

 

Eine Karte von 1812 zeigt, daß Nederling ein Kreuzungspunkt von lokaler und regionaler Bedeutung war. Es führte dort die Straße von München über Neuhausen und Gern nach  Obermenzing (jetzige Nederlingerstraße), eine andere von der Ludwig-Ferdinand Brücke am großen Nymphenburger Kanal  an der Nederlinger Linde vorbei nach Moosach. Sie ist z.T. noch als ein Weg innerhalb der Heimgartenanlage beim Nederlinger-Gut erhalten. Eine weitere Straße ging von Nederling über das Gelände der jetzigen Metten-Siedlung und ihrer Grünanlage in Richtung Kapuziner-Hölzl (zur jetzigen Straße „In den Kirschen“). Sie hieß zuletzt „Röhrmooser Straße“ führte als Kies- und Sandweg in sanften Kurven zwischen Getreidefeldern  dahin. Sie war eine Freude für Fußgänger und Radfahrer, die nach Obermenzing oder Pasing wollten. Als  man für die Olympischen Spiele 1972 vorübergehend einen Parkplatz auf dem jetzigen Gelände der Metten-Siedlung einrichtete, nahm man die Gelegenheit beim Schopf und sperrte sie ganz für den Verkehr. Das war ihr Ende. Bald war sie eingepflügt. Von Nederling führte außerdem eine Straße nach Osten zur Dachauerstraße. Sie heißt heute Baldurstraße. Ihre schönen Ahornbäume hat zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Nederlinger Bauer Matthias Reindl gepflanzt, weil er eine schattige Straße für den Kirchgang wollte. Vermutlich ist er bei der Sadelerstraße links abgebogen, die damals noch nicht an der Baldurstraße endete sondern entlang der Mauer des alten Westfriedhofs zur  Moosacher Martinskirche führte. Sie hieß Bodenbreitenstraße und führte von Gern her direkt nach Moosach, wurde bei der Anlage des neuen Friedhofteils aufgelassen, ist aber noch als breiter Weg zwischen der alten und der neuen Friedhofsanlage zu erkennen. Matthias Reindl wollte übrigens schon 1896 ein Gasthaus in Nederling erbauen und hat dafür beim Moosacher Gemeinderat um eine Konzession eingegeben, die aber leider abgelehnt wurde. Es hat dann über hundert Jahre gedauert, bis der Mangel behoben werden konnte.

 

Im Jahr 1909 wurden die Straßenbahngleise vom Rotkreuzplatz zum Westfriedhof verlängert, auf denen einst die Nr. 4 fuhr. Am 27.9.1981 wurde sie eingestellt und durch eine Omnibuslinie ersetzt, bis am 29.5.1998 die erste U 1 vom Rotkreuzplatz zum neuen U-Bahnhof    Westfriedhof fahren konnte.

 

In Nederling gab es vor und nach dem 2. Weltkrieg einige Betriebe, die aber fast alle im Lauf der Zeit der Friedhofserweiterung und der Wohnbebauung zum Opfer fielen. An der Ecke von Baldurstraße und Sadelerstraße (Sadelerstr. 41) war früher ein Steinmetzbetrieb. Er war aber schon Anfang der fünfziger Jahre stillgelegt. An der Nordseite der Baldurstraße (ungefähr in Höhe von Nr. 69) waren nebeneinander ein weiterer Steinmetzbetrieb und ein Betrieb angesiedelt, der Holzaufbauten für Lkw herstellte. Beide mußten Ende der siebziger Jahre weichen, als der Westfriedhof erweitert wurde. Zwischen Lech- und Baldurstraße (auf Höhe von Lechstr. 12-12 f) war von den dreißiger Jahren an bis Ende der 90er Jahre eine Gärtnerei, die zuerst von Franz Schuster und dann von seinen Töchtern betrieben wurde. An dem Haus an der Baldurstraße, neben der Gärtnerei, brannte zur Zeit der Olympiade 1972 eine rote Laterne. Der Betrieb scheint sich aber nicht rentiert zu haben, die Damen verschwanden bald wieder. Lebensmittel und Milch kauften die Nederlinger bereits vor dem Krieg beim „Flötzner“ in der Nederlingerstr. Nr. 70. Milch- und Lebensmittelladen schlossen in den siebziger Jahren. Dafür eröffnete daneben ein Supermarkt. Auf der anderen Straßenseite stand dort, wo heute das Haus Nr. 95 steht, noch lange nach dem 2. Weltkrieg das ehemalige Zollhaus, wo einst Straßenzoll von den Fuhrleuten kassiert wurde. Im Rückgebäude des Hauses Nederlingerstr. 103  betrieb von den dreißiger bis in die achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts Franz Heichlinger eine Eisenerzgießerei.

 

Eine literarische Erwähnung der Straßen Nederlings findet sich in dem Roman „Föhn“ von Martin Gregor Dellin, der Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts in der Nederlingerstraße gewohnt hat.

 

Der einzige dem Verfasser bekannte Lebende, der wirklich in Nederling und nicht in irgendeiner Klinik auf die Welt gekommen ist, ist Vitus Huber.

 

Quelle für die Zeit vor dem 2. Weltkrieg: Volker D. Laturell und Georg Mooseder, Moosach 1. Bd. 1980, 2. Bd. 1985, 3. Bd. 1988.

 

Verfasser Tilo Huber, München-Nederling, Baldurstr. 75

 

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    Die 4er am Westfriedhof   

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